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Zuhörer spürt ein blindes Verständnis

Mit einem kontrastreichen Programm eröffnet das Quartett „GuitArtist“ beim Konzert in der Martinskirche die neue vierteilige Veranstaltungsreihe

„Vielsaitiges in vier Konzerten“ – so lautet das Motto des diesjährigen Bottroper Gitarrenfestivals, das mit einem künstlerischen Crossover begann: Das Quartett „GuitArtist“ mit Guy Bitan, Ludger Bollinger, Peter Brekau und Ingo Brzoska, sämtlich im Ruhrgebiet beheimatet, startete in der Martinskirche mit einem kontrastreichen Programm, das rund 350 Jahre europäischer Gitarrenmusik umfasste. Nur europäischer? Nein, in den Werken von Bitan, Peter Roux und Roland Dyens wurden auch Abstecher nach Nordafrika und Südamerika unternommen.

Aber diese Spannung, die aus Gegensätzen und einem exotischen Akzent erwächst, ist längst zum Markenzeichen von „GuitArtist“ geworden. Die vier Musiker verstehen sich blind, wachsen in den Interpretationen inspiriert zusammen, loten gemeinsam das Ungewöhnliche oder Besondere aus. Überregional bekannt wurde die Gruppe durch ihr Konzept „Bonjour de la Ruhr“: Das ist zum einen eine tänzerische Verbeugung vor dem Revier und seinen Menschen, zum anderen bat das Quartett renommierte Komponisten zwischen Duisburg und Dortmund um neue Stücke.

Aus dieser Initiative spielten die vier Solisten technisch und virtuos anspruchsvolle Stücke von Pervez Mirza, Jahrgang 1937 („Wechselspiele“), Eckard Koltermann, Jahrgang 1958 („Sketches“) [of Spam], Ingo Brzoska, Jahrgang 1957 („Toccatina“), und Bitan, Jahrgang 1956, der das Begrüßungswerk im Stil einer „Valse Musette“ in Noten setzte.

Unterhaltsam, sicherlich zuweilen auch mit „ungehörtem“ Material und Klang aufwartend, begegnet „GuitArtist“ unbefangen und neugierig den zeitgenössischen Aufgaben. Aber wie dieses versierte Team die Moderne mit Dialogfetzen, Klatsch-Rhythmik und wirbligen Laufwerk angeht, das macht ihnen kaum ein Quartett nach.

Doch es widmet sich auch der Klassik. Wie bei dem „Grand Concerto“ des Gitarren-Meisters Mauro Giuliani, einem Beethoven-Zeitgenossen mit Mitsing-Melodien und raffinierter Saitentechnik. Oder wie bei Gabriel Faurés „Pavane“, die Ingo Brzoska für diese Besetzung arrangierte – er schrieb auch das wuchtige Giuliani-Opus für vier Gitarren um.

Ein Schlüsselwerk ist und war sicherlich Roland Dyens’ „Hamsa“, das der aus Tunesien stammende Komponist als Brückenschlag zwischen Nordafrika und Europa verstand – ein Stück mit Witz und Esprit, mit Farbigkeit und Multi-Kultur.

Fiebrig ging der Abend, der mehr Besucher verdient hätte, zu Ende: mit Peter Roux’ „Tango“-Variation – ein echter Rausschmeißer.

Dank an die Musikschule

Der Beifall fiel überaus herzlich aus, deshalb hängte „GuitArtist“ noch zwei Zugaben an – eine von Guy Bitan („Before“), die er als Widmung an seine Kollegen äußerst „vielsaitig“ versteht, und mit John Dowlands Meditation.

In seiner Begrüßung erinnerte Kuturdezernent Willi Loeven an die Tradition, die die Gitarre in Bottrop seit Jahrzehnten besitzt. Und er dankte insbesondere der Städtischen Musikschule als „Wurzel für das Festival, seine Interpreten und seine Konzerte.“

Hans-Jörg Loskill, WAZ 11.11.2011