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Bezaubernd und atemberaubend

Neue Musik für vier Gitarren: Das Kompositions-Projekt „Bonjour de la Ruhr“ erlebte eine spektakuläre Uraufführung

Das Ruhrgebiet verfügt über künstlerische Potentiale, an die Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt, die in abstrakte Visionen verliebten Macher der so seltsam bürgerfernen Kulturhauptstadt, selbst in ihren kühnsten Träumen nicht zu denken wagen. Und deshalb findet man das atemberaubende, vom heimischen „GuitArtist Quartett“ initiierte Kompositions-Projekt „Bonjour de la Ruhr“, das am Wochenende seine Uraufführung feierte, auch in keinem Ruhr.2010-Führer.

Dabei ist die Idee, eine Handvoll zeitgenössischer Komponisten aus dem Ruhrgebiet mit dem Schreiben je eines Stückes für ein Gitarren-Quartett zu beauftragen, in ihrer Simplizität von logischer Kraft und bestechender Schönheit.

Die beteiligten sieben Tonsetzer, darunter so renommierte Komponisten wie Gerhard Stäbler (Duisburg) und Stefan Heucke (Bochum), die übrigens alle ohne Honorar tätig wurden, sahen das wohl genauso. Und nutzten ihre Chance, für die selten zu hörende Kombination gleich vier klassischer Gitarren zu schreiben, mit hörbarem Vergnügen.

Wie erhofft, sprengte die Bandbreite der vom „GuitArtist Quartett“ souverän präsentierten Stücke sämtliche Klischees, die man nur von rudelbildenden Wanderklampfen im Kopf haben konnte.

Wer etwa die Highspeed-Exzesse selbstverliebter Fingerpicking-Gitarrenwürger erwartet hatte, der konnte von der diskreten Umsetzung perfekten Handwerks in hochmusikalische Klangbilder jenseits tumber Virtuosität nur begeistert sein.

Hinreißend, wie elegant-unprätentiös Guy Bitan, Ludger Bollinger, Peter Brekau und Ingo Brzoska bereits mit Eckard Koltermanns melancholisch-filigranen „Scatches of SPAM“ die Meßlatte hochlegten. Faszinierend die Präzision, mit der die vier Saitenkünstler selbt rhythmisch und strukturell anspruchvollste Stücke meisterten.

Ob das die raffiniert in sich gespiegelten Soundpattern in „Wechselspiel“ des Esseners Pervez Mirza waren, die sich zu atemberaubenden Klangbildern addierten, oder der flirrende, meditative Saitenzauber von „Dich in allen Dingen“ des in Duisburg lebenden Koreaners Kunsu Shim – dem beeindruckenden „GuitArtist Quartett“ war nichts zu schwer. Selbst Gerhard Stäblers kompliziertes „Aufschläge“, wo die kostbaren Gitarren mit Cello-Bögen und Händen geprügelt wurden, bestach durch die Leichtigkeit der Präsentation, die in Ralf Kaupenjohanns „Purkat“ schließlich eine überraschende Pointe fand.

Keine Frage: es war ein ungemein kurzweiliges und spannendes Vergnügen, das die vier Herren des „GuitArtist Quartett“ mit „Bonjour de la Ruhr“ in den Flottmann-Hallen boten. Nachzuhören ist das übrigens auf gleichnamiger CD und live erneut zu erleben am kommenden Samstag, 17. April, 19.30 Uhr im Malakow-Turm der Zeche Prosper in Bottrop.

Sven Thielmann, WAZ 13.04.2010