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Moll-Töne gehören den Tätern, für die Opfer erklingt Dur

Das GuitArtist-Quartett beeindruckt das Publikum mit einer eigenwilligen Version von „Der Tod und das Mädchen“. Applaus will nicht enden

Das GuitArtist-Quartett lieferte ein grandioses Konzert im bestens besuchten Thürmer-Saal. Der Schwerpunkt des Programms lag auf zeitgenössischer, durch fremde Kulturen beeinflusster Musik.

Das Konzert eröffnete das Quartett mit Vibrations, einem Stück, das sich für das Konzert als repräsentativ erwies, denn es verkörperte das Credo der vier Interpreten: Ein musikalischer Crossover-Gedanke, der Einflüsse von Latin, Moderne und alter Musik verbindet. Die Interpretation des Stückes mit seinen drei verschiedenen Sätzen zeigte ein klares Gespür der Musiker für die unterschiedlichen Stile. Der Charakter des Vortrags wechselte in den Sätzen zwischen tangohaft, modern oder barock-fugenartig und ließ das Stück sehr erfrischend klingen.

Beim türkischen Tanz Oyun des italienischen Weltenbummlers Domeniconi entfaltete das Quartett die volle Kraft der Synergien verschiedener Kulturen. Bei den drei Teilen des Stückes wechselte die Begleitung zwischen einem rhythmisch-perkussiven und einem durch arabische Harmonien geprägten Teil. Die Würze des Stückes lag vor allem in den peinlichst genau gespielten unisono Tonrepititionen von Ludger Bollinger und Ingo Brzoska, die durch ihre gelungene Umsetzung den orientalischen Charakter des Stückes noch mehr hervorhoben.

Ein aus der Reihe fallendes Stück war das Andante con moto von Schubert, das in einer Bearbeitung von Guy Bitan den ersten Programmteil wunderbar abrundete. Seine Inspiration fand Bitan im Film „Der Tod und das Mädchen“ von Roman Polanski, in dem die Aufarbeitung von Verbrechen aus der chilenischen Diktatur thematisiert wird. Eben diese Einflüsse flossen auch in die äußerst gelungene Adaption, denn der Charakter des Variationszyklus’ zeigte zweierlei Gesichter: Ein in Moll gehaltener und die Täter repräsentierender Marsch, der vom verspielten und reich verzierten Dur-Teil die Hoffnung der Opfer darstellte. Das Publikum zeigte sich begeistert und ließ die folgende Applaussalve nicht abreißen.

Der zweite Programmteil versetzte die Zuhörer in die Welt des argentinischen Tango. Das Stück Comme un Tango bildete den Auftakt – eine Symbiose von Tango und sphärischen, an Leo Brouwer erinnernden Klängen. Es folgte ein waschechter Tango, der das Wesen seiner Schöpfung aus zwei für den Tango essenziellen Elementen offenbarte: Dem ursprünglichen Bordelltango und der so genannten dritten Garde, einer musikalisch durch Astor Piazzolla geprägten Phase. Tatsächlich war hier und da ein kleines Zitat aus Piazzollas Adiós Nonino zu hören, das die Selbstironie des Tango durch die gefühlvolle Interpretation widerzuspiegeln vermochte. Bei der scharf akzentuierten, tangotypischen Begleitung blühte Peter Brekau auf, aus dessen Feder das zweite Stück Tango Fantasia stammte.

Zum Ende des Konzertes wurde das virtuose Können des GuitArtist-Quartetts durch Bravo-Rufe und regen Beifall durch das Publikum bestätigt. Zugabefaul waren die vier Musiker aber überhaupt nicht und ließen sich so noch durch zwei verträumte Stücke von den Zuschauern feiern. Im Gespräch nach dem Konzert verriet Ludger Bollinger, dass bald die neue CD des Quartetts mit dem Titel „Hamsa“ erscheinen werde. Somit dürften sich alle freuen, die es bis zum nächsten Konzert des Quartetts nicht mehr abwarten können.

Christian Dabrowski, WAZ 04.03.2008